Ich beginne das Schreiben stets mit einem brennenden Herzklopfen, das mein Hinterteil auf dem Stuhl unruhig auf- und abhopsen lässt. Nichts deutet darauf hin, dass es sich um irgendetwas anderes handeln könnte als um Aufregung, eine den Körper überschwänglich schüttelnde Art der Vorfreude.
Wären da nicht die vielen über mir herniederstürzenden Gedanken, die sich völlig anderen Aufgaben zu widmen gedenken. Aufgaben, die schon eine Woche hatten warten können, nun aber ganz plötzlich leuchtend rot aufblinken und meine Aufmerksamkeit in Fetzen reißen.
Es dauert eine ganze Weile, bis mir das seltsame Gefühl der Zurückhaltung auffällt, das sich irgendwo zwischen Magen und Bauch befindet. Die Art von Gefühl, die darauf drängt, dass ich ganz schnell eine Pause einlege. Jetzt sofort. Obwohl ich offensichtlich über genügend Energie verfüge.
Die Art von Gefühl, die darauf zu beharren scheint, dass ich nicht bereit bin. Die die Bilder im meinem Kopf, die ich zu verschriftlichen gedenke, verschwimmen lässt. Die Art von Gefühl, die mich schon beim ersten Satz ins Synonymwörterbuch befördert, obwohl ich doch genügend Worte kenne, um besagte Bilder zu beschreiben.
Das, was ich schon immer in einer Meditation erreichen wollte, passiert genau hier: Mein Verstand setzt komplett aus.
Warum gelingt es mir, 6.690 Wörter zum Hintergrund meiner nächsten Geschichte nebeneinander aufzureihen, wenn ich mich beim Geschichtenschreiben selbst jedoch auf keinen einzigen Satz festlegen kann?
Ich folge dem Gefühl bis zu meinem Hals und der kummervolle Kloß darin erstreckt sich zu allen Seiten meiner Hautinnenwände. Ich kann weiterhin normal atmen, nur aber meine Finger versteifen sich. Sie kribbeln über der Tastatur, die bereits warmgelaufen ist. Das Gefühl überschattet unnachgiebig die anfängliche Vorfreude, die jetzt nurmehr an Gitterstäben rüttelt.
Dass ich Angst vor dem Schreiben habe, ist mir neu.
Die Frage nach der Schreibangst
Anstatt also während meiner 40-tägigen Schreibchallenge wie geplant eine Schreibroutine zu etablieren und meinen ersten Kurzgeschichten den Feinschliff zu verpassen, habe ich mir vor allem Fragen gestellt. Viele Fragen darüber, was meine Schreibangst auslöst, darauf hoffend, dass ich irgendwo auf Resonanz stoße.
Habe ich Angst, dass mir das Schreiben keinen Spaß machen wird? Dass das Schreiben Langeweile, Ärger oder Leid bedeutet? Dass Schreiben „zu bluten“ bedeutet?
Habe ich Angst, dass ich nicht die richtigen Worte finden werde? Dass ich im entscheidenden Moment nicht kreativ genug bin? Oder dass es nicht gut genug sein wird, weil ich noch nicht gut genug bin? Dass meine Geschichten langweilig sind? Unverständlich vielleicht? Dass sie mich als Möchtegernschriftstellerin entlarven?
Stört mich irgendetwas an dem, was ich im Begriff zu schreiben bin? Habe ich keine Lust auf die Szene? Will ich lieber etwas anderes schreiben?
Was verbinde ich mit dem Schreiben, dass ich ihm so widerstrebend entgegensehe? Dass ich langsam schreibe? Dass ich selten zufrieden mit meinen Formulierungen bin? Dass ich meine Schriftstücke in der Vergangenheit nur selten beendet habe?
Könnte es sich diesmal um die wohlberüchtigte Schreibblockade handeln?
Ich habe keine klare Antwort auf meine Fragen erhalten.
Das Dunkel einer unbekannten Zukunft
Das sorgte für einen Knick in meiner schönen Vorstellung vom Schriftstellerinnenwerden – vor allem, nachdem die quälende Fragerei alles über den Haufen geworfen hatte, was ich mit dem jähen Ende meiner Schreiblosigkeit längst besiegelt zu haben glaubte.
Buchstaben, die ich zuvor sorgfältig zusammengesetzt hatte, stoben plötzlich auseinander und formten ihre eigenen Zirkel: Könnte es sein, dass ich keine Schreibangst habe, sondern dass mir das Schreiben einfach nicht wichtig genug ist? Würde ich es sonst nicht tun? Ist es das?
Aus dem flüchtigen Knick wurde ein weiter, klaffender Riss, als ich auf ein Buch stieß. Ein Buch, das ich mir selbst nicht gekauft hätte. Jedenfalls nicht, wenn mir eine 3-seitige Leseprobe zur Verfügung gestanden hätte.
Doch darum geht es nicht.
Es geht darum, dass es in meinem Kopf eine Messlatte gibt, die bis zur Unkenntlichkeit in den Himmel hinaufragt, und dass ich ihr sowohl meine Werke als auch die Werke anderer entgegenstelle. Eine Messlatte, die ich gleichzeitig ignoriert und vorausgesetzt habe, und die jetzt mein aktuelles Werk in den Schatten dieses einen Buches stellt. Und darum, dass beide Werke nicht an die strahlende Sonne heranreichen, die ich hinter der dunklen Wolkendecke vermute und selbst zu erreichen gedenke. Noch lange nicht.
Einerseits blicke ich mit Unbehagen in eine Zukunft, die mich im Dunkeln tappen lässt, und andererseits wähne ich mich in ihr, als ob es die vielen Praxisstunden, die meinen steifen Fingern zweifelsohne noch bevorstehen, längst gegeben hätte.
Eine Zeit lang standen alle Buchstaben auf dem Kopf: Habe ich wirklich das Zeug dazu, Schriftstellerin zu werden? Mache ich mir etwas vor? Sind das die Fragen, die ich mir hätte stellen sollen?
Ich war mir nicht sicher. Ich wusste nur, dass ich Demut neu erlernen muss und dass, sollte ich mich letztendlich doch zu schreiben überwinden, sehr viel „Arbeit“ auf mich warten würde.
Der Schreibangst auf den Fersen
Zum Schluss der 40-tägigen Schreibchallenge hatte ich statt vieler Texte viele solcher Erkenntnisse.
Dabei war es nicht die mangelnde Demut, die wirklich etwas in mir auslöste. Es war auch nicht die Tatsache, dass das Momentum einer Schreibchallenge letztendlich abflacht und zur Etablierung einer stabilen Schreibroutine vollkommen ungeeignet ist. Oder dass die rot glühenden Augen, deren Blicke sich mir beim Gedanken an meine schriftstellerische Zukunft in den Rücken bohren, in Wirklichkeit gar nicht existieren.
Wenn ich meine Geschichten nicht jetzt schreibe, was erwarte ich dann in der Zukunft zu finden? Liegt nicht darin die ganze Spannung? Es zu enthüllen?
In gewisser Weise habe ich nach einer Beschäftigung gesucht, die mich abseits meiner Ehe erfüllt. Dabei ist mir völlig entgangen, dass Erfüllung nicht von außen kommt. Erfüllung kommt von innen, ist Ausdruck des Gemüts, und so kann jede Beschäftigung mit einem Lächeln verrichtet werden.
Es geht also nicht darum, was ich tue. Es geht darum, dass ich wähle und nicht zögere. Und das Einzige, an das ich denken kann, ist das Schreiben. Schriftstellerin zu werden. Meine Geschichten niederzuschreiben.
Es geht darum zu sagen: Ich will Schriftstellerin werden. Darum, nicht mehr herumzudrucksen, wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde.
Was etwas in mir ausgelöst hat, war die Erkenntnis darüber, dass ich mich noch nicht aufs Schreiben festgelegt hatte. Nicht wirklich.
Und dass ich mich voll und ganz aufs Schreiben einlassen muss, wenn ich meine Schreibangst überwinden will.
Die Wahrheit hinter der Schreibangst
Ich war nicht kurzzeitig blockiert, unmotiviert oder unproduktiv. Ich hatte Angst davor, meine Energie und Zeit langfristig in etwas zu investieren. In etwas, das möglicherweise das „Falsche“ ist. Ich fürchtete mich davor, mich dem Schreiben voll und ganz zu verpflichten.
Ist es wirklich das Richtige? Könnte es etwas Besseres, Geeigneteres für mich geben? Wie werde ich wissen, ob ich es auch gerne tun werde und ob es irgendwohin führen wird? Was, wenn ich es bedauere?
Ich war der Ansicht, dass ich meinen Weg schon längst gewählt hatte. Doch die Realität ist, dass ich immer noch unentschieden darüber war, was ich tun sollte. Ich hatte noch nicht alles auf eine Karte gesetzt. Ich zögerte.
Ich hoffte darauf, dass die Entscheidung für mich getroffen wird; idealerweise in Form einer göttlichen Offenbarung. Doch was kann Gott schon tun, als mir Talent (gehen wir davon aus, ich habe es) und knüppeldick Inspiration für meine Geschichten zu schenken? Er kennt mich am besten und weiß, dass ich ihm eine solche Offenbarung nicht vorbehaltlos abnehmen würde. Dass ich mir letzten Endes trotzdem wünsche, dass es meine eigene Entscheidung gewesen ist.
Ich habe es jahrelang vor mir hergeschoben, denn ich war der Meinung, dass ich zuerst Geld verdienen und einen Reserveplan schmieden müsse.
Ich habe mir gesagt, dass es in Ordnung ist zu scheitern. Dass ich genügend Fähigkeiten habe, die ich zu Geld machen kann, sollte ich es mit meinen Geschichten nicht schaffen.
Es geht aber nicht ums Geld. Das Schreiben kann niemals „nur ein Projekt“ sein, das ich neben allen anderen einfach ins Regal stelle. Denn worum es wirklich geht, ist, was ich mit meinem Leben anfangen will.
Ja, ich fürchte mich davor, die falsche Entscheidung zu treffen. Gleichzeitig fürchte ich mich vor einer Zukunft, in der ich es nicht einmal versucht habe.
Das ist die Wahrheit.
Der Ruf des Unbekannten
Ein paar Tage später ist mir Kreativ Schreiben von Fritz Gesing in die Hände gefallen. Eine Lektüre, die ich mir schon vor ein paar Jahren zugelegt hatte.
Passenderweise führt er direkt zu Beginn mögliche Gründe fürs Schreiben an und ein paar Anhaltspunkte darüber, wer typischerweise das Zeug zum Schreiben hat. Also genau das, was mir selbst einige Wochen lang durch den Kopf gegangen ist.
Obwohl ich viele der Stichpunkte auf die ein oder andere Weise bejahen konnte, gibt es für mich dennoch nur einen triftigen Grund:
Irgendetwas will geschrieben werden, und es scheint diesem Etwas völlig egal zu sein, auf welcher Schreibstufe ich mich zurzeit befinde.
Wenn für den Moment eine neue Idee meinen Kopf erfüllt, dann schreibe ich. Dann denke ich nicht an ein Morgen, das noch keine Form angenommen hat. Ich denke nicht daran, wie viele Bearbeitungsdurchläufe der Text vor mir noch zu erwarten hat. Ich schreibe einfach darauf los und jage der jeweiligen nächsten Idee hinterher, bedacht darauf, keine einzige zu vergessen.
Ich muss meine Ideen einfach festhalten. Mir sind sie es wert. Sie waren es immer schon.
Das macht das Schreiben für mich zu einem klaren Selbstzweck. Ich habe keinen anderen Grund zu schreiben als den, dass ich Ideen habe und dass diese Ideen das Einzige sind, das mich je auf so eindrückliche und aufregende Weise berührt hat. Dass ich mich nicht vom Schreiben abwenden kann, egal wie viele Jahre vergehen.
Ich weiß, was ich mit meinem Leben anfangen will. Ich habe es immer schon gewusst.
Ich will Schriftstellerin werden – und magischerweise schreibe ich bereits an meinem ersten Buch. ♥
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