Stelle Dir vor, Du fängst gerade Deine Geschichte an. Sie darf 10.000 Zeichen nicht überschreiten und Du hast nur einen Monat Zeit. Du weißt, was Du schreiben willst. Dir sind sowohl Schauplatz, Szenario als auch Figuren bekannt.
Doch als Du damit beginnst, die Bilder in Deinem Kopf in Worte zu fassen, und sich die Hintergründe Deiner Geschichte langsam auftun, merkst Du, dass 10.000 Zeichen nicht ausreichen. Sie können nicht reichen. Du überarbeitest Dein Szenario, mehrmals. Du schnippelst hier mal eine Phrase, da mal einen ganzen Absatz.
Auf halber Strecke weißt Du immer noch nicht, wie Deine Hauptfigur heißen soll. Du hast das Gefühl, dass Deiner Geschichte die Substanz fehlt, irgendetwas, das sie lebendig und spürbar macht. Du schreibst weiter. Jedes Mal, wenn Du Deinen Text überfliegst, fällt Dir eine neue Schwachstelle ins Auge.
Erst, als Du in der Küche stehst, mit den Kopfhörern auf den Ohren und der Musik in Deinem Kopf, trifft es Dich. Du siehst sie vor Dir: Die Heldin mit dem rostbraunen Haar, den blitzenden dunklen Augen und dem verschlagenen Grinsen. Es waren nur wenige Worte aus dem Lied, und doch fixierst Du ihre Gebärden in Deinem Geist statt den Pfannenwender in Deiner Hand.
Dir ist sofort klar, dass Du sie niemals gegen Dich aufbringen solltest. Dass hinter diesen bodenlosen Augen mehr geschieht, als Du jemals erahnen wirst. Und dass diese Figur die Flammen nicht zu fürchten hat, die sich um sie herum gen Himmel recken.
Ein Wimpernschlag. Mehr hast Du nicht gebraucht, um sie ins Herz zu schließen, die Hauptfigur, deren Name Dir jetzt auf der Zunge liegt.
Das Schreiben ist dadurch nicht leichter geworden, aber Dein Feuer ist zurück. Bis zum Tag vor der Einsendefrist, als Du über ein dickes Problem stolperst – mitten in der Schlüsselszene.
Für einen Moment lehnst Du Dich zurück gegen den Stuhl. Fast gibst Du Dich geschlagen. Wie bringt Du das in Ordnung? Innerhalb des vorgegebenen Zeichenlimits? Am letzten Tag? Die Uhr tickt.
Du bist schon so weit gekommen. Deshalb beißt Du die Zähne zusammen und schreibst weiter. Immer wieder schreibst Du die Textstelle neu, bis alle Puzzleteile zusammenfallen und Du wider Erwarten zufrieden bist.
Endlich ist es soweit: Du willst die Geschichte abschicken. Beim Entfernen der Formatierung fällst Du dann aus allen Wolken: Du hast noch keinen Titel festgelegt! Was machst Du? Du brainstormst, willkürlich. Alles Mögliche kommt aus Deinem Mund, bis Dich Dein Manager-Schrägstrich-Ehemann plötzlich stoppt: »Klingt gut«, meint er. Du denkst kurz darüber nach und pflichtest ihm bei.
Kurze Zeit später hast Du alles abgeschickt und bist erschöpft. Gerne hättest Du noch ein paar Tage Zeit gehabt und der Tippfehler, den die Rechtschreibprüfung nicht rechtzeitig beanstandet hat, bestätigt Dich darin. Dennoch bist Du stolz. Du hast Deinen ersten Beitrag eingereicht!
Am nächsten Morgen hat sich der Einsendeschluss um zwei Monate verlängert und Du erhältst eine E-Mail, die Dich hoffen lässt, Du hättest doch noch die Chance auf eine letzte Überarbeitung am Text. Doch diese Hoffnung verfliegt so schnell, wie sie gekommen ist.
So ist jedenfalls mein erster Literaturbeitrag entstanden.
Einige Monate vor der weitaus vielversprechenderen E-Mail, die mir mitteilte, dass die Kurzgeschichte Aufnahme in Band 1 der Nimoria-Anthologie gefunden hatte. Der zum Dank ich sogar noch Änderungswünsche anbringen durfte!
Anders als bei Winterweiß also, bei dessen Entstehung ich gemütlich eingemummelt bis in die Mitternachtsstunden geschrieben, meine eigene Frist mehrmals verlängert und selbst nach der Veröffentlichung die Stolperstellen im Text geglättet habe, fühlte ich mich zuweilen an meine anfängliche Schreibangst erinnert.
Während meine Nase praktisch am Text klebte, registrierte ich nichts weiter als Zeitdruck, Platzmangel und Plotlöcher.
Überraschenderweise war es die Ausschreibung der Anthologie, die die Kurzgeschichte tatsächlich ins Rollen brachte. Nicht die Dusche oder der Spaziergang danach.
Als vervollständigten erst die darin angebotenen Häppchen das Puzzle meiner phantastischen Kurzgeschichte, für die sich die Ideen bereits gehäuft, aber nicht geordnet hatten. Es hatte »Klick!« gemacht, wie es so schön heißt.
Dasselbe Phänomen beobachtete ich, als ich mir am Folgetag die nächste Kurzgeschichte vornahm. Diesmal erweiterte die Wettbewerbsausschreibung meine Geschichte um die Persönlichkeit meiner Hauptfigur, die selbst für Bewegung sorgte.
Wobei gerade diese Bewegung schnell das Zeichenlimit erreichte.
Erst später begriff ich, dass das Zeichenlimit kein Fluch, sondern eine Gelegenheit ist.
Obwohl sich das Zeichenlimit während des Schreibens weniger wie eine Abkürzung als viel mehr wie ein steiler Aufgang anfühlte. Kurzgeschichte hin oder her.
Anstatt also rauf- und runterzuleiern, was Dich möglicherweise gar nicht interessiert (mein Jahresrückblick von 2025 ist so ein Fall), blieb mir nur eine Wahl: mich aufs Wesentliche zu konzentrieren und Jagd auf Redundanzen zu machen.
Schnell lernte ich, dass die Zeilen, die ich beschrifte, wertvoll sind. Sowohl für Kurzgeschichten, die – nun ja – kurz sein und die Jury nicht erschlagen sollen, als auch für meinen Debütroman, der vermutlich bessere Chancen hat, wenn er irgendwo zwischen 275.000 und 350.000 Zeichen liegt.
Jedes Wort muss einen Zweck erfüllen. Jedes Wort muss wirken. Und so manches Wort vermag mehr zu vermitteln als ein ganzer Absatz. Durch Atmosphäre, Sinneseindrücke und alles, was die Figur umgibt. Oder anders ausgedrückt: durch Andeutungen, solange sie nicht Verwirrung stiften, und Rückblenden, die Schlüsselszenen nicht ersetzen.
Das limitierte Zeitfenster sorgte zudem dafür, dass ich mich mit meinen Entscheidungen beeilte. Nicht, dass meine Entscheidungen immer die besten waren.
So wie bei meiner zweiten Kurzgeschichte zur Teilnahme an meinen ersten Wettbewerb.
Obwohl sich meine Anspannung bereits verflüchtigt hatte und das Drama während der dreizehn Schreibtage in der Geschichte blieb und die Schreibkammer verschonte.
Da waren natürlich die naheliegenden Schwachstellen der Geschichte: Bei dem beabsichtigten Romanfang hatte ich mich – wie zuvor – strikt an die Zeichenvorgabe gehalten. 15.000 Zeichen. Nicht mehr und nicht weniger. Dabei ist mir das ein oder andere Detail abhandengekommen. Die Kapitelunterteilungen zum Beispiel. Oder all das, was hinter dem Zeitsprung und den wenigen Worten verborgen lag, die nur in meinem Kopf ein Bild ergaben. Nur weil ich mehr von der Geschichte erzählen und zeigen wollte.
Doch auch die Gewinnertexte verrieten mir, dass meine Geschichte anders war. Im Erzählen. In der Tragweite des vertretenen Standpunktes. In der Anonymität des Schauplatzes – der vielleicht einzige Hinweis darauf, dass die Geschichte einem anderen Genre vorbehalten war.
Nicht, dass ich die Anforderungen nicht berücksichtigt hätte. Die Geschichte hatte Aktualität, Witz und portraitierte auf ironisierte Art und Weise einen Aspekt unserer Gesellschaft. Doch sie passte nicht zum Wettbewerb – nicht wirklich.
Deshalb ist es nicht weiter schlimm, dass ich beim Wettbewerb nicht gewonnen habe, auch wenn ich natürlich auf das Literaturgutachten scharf gewesen war, mit dem die Ausschreibung gelockt hatte.
Dafür habe ich die Geschichte nicht geschrieben.
Ich schreibe meine Geschichten nicht, um damit Veröffentlichungen und Preise einzustreichen. Es sind nicht die Ausschreibungen zu solchen Anthologien und Wettbewerben, die mich dazu verleiten, sie überhaupt zu schreiben.
Ich schreibe sie, weil sie fester Bestandteil meines Phantastik-Kosmos sind, und reiche sie ein, wenn sich passende Möglichkeiten auftun, sie zu zeigen.
Drei Kurzgeschichten habe ich bisher eingereicht. Jetzt weiß ich, wie es sich anfühlt, literarisch zu schreiben. Wie es wirkt, wenn die Texte weniger und weniger nach Marketing-Text und Blogbeitrag klingen. Wie es ist, von einem Monat Dauerstress auf zehn Tage Fabulierlust überzuwechseln.
Ich will besser und besser werden – und dafür schreibe ich zur Abwechslung eine Kurzgeschichte ohne Zeichenlimit.